Fotos Tabea Borchardt

Leben im Hospiz

Sr. M. Theodore (63)

Für alle da sein
Es gab vor Jahren die Möglichkeit, unseren Taufnahmen wieder anzunehmen. Schwester Maria Margret wäre das dann geworden, Aber mit dem Namen Theodore lebe ich nun schon so lange und finde ihn auch sehr schön. Also musste ich gar nicht lange darüber nachdenken, zumal mein Großvater, zu dem ich ein enges Verhältnis hatte, Theodor hieß. Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen, und sie haben mir immer viel bedeutet. 

Seit meinem elften Lebensjahr schon stand für mich fest: Ich gehe ins Kloster. Es war, ja, das kann ich im nachhinein wohl sagen, meine Berufung. Obwohl Ich als Kind gar keine Beziehung zu Ordensschwestern hatte und auch von zuhause diese Idee nicht unbedingt so unterstützt wurde, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber ich bin immer dabei geblieben, ich wollte Nonne werden! Nach der Schule habe ich eine dreijährige hauswirtschaftliche Lehre im Münsterland gemacht, in einem Krankenhaus der Mauritzer Franziskanerinnen, Großvater hat mich dort mehrfach besucht, wohl auch, um sich davon zu überzeugen, dass es mir bei den Schwestern gut geht. Das hat mich sehr gerührt. Als ich meine nachfolgende Ausbildung als Krankenschwester dann abgeschlossen hatte, habe ich seine Zustimmung bekommen, und ein Jahr nach dem Examen bin ich in den Orden eingetreten. Danach habe ich an verschiedenen Orten als Krankenschwester und zuletzt lange Jahre als OP- Schwester gearbeitet. Da mir die intensive Begegnung mit Menschen doch etwas fehlte - Ich bin immer ein kontaktfreudiger Mensch gewesen - habe ich neben meiner Arbeit im Krankenhaus freiwillig in der Kirchengemeinde mitgearbeitet, und das hat mir viel Spaß gemacht. Irgendwann dann, ich glaube, es war 1986, kam die Anfrage vom Orden, ob ich mir vorstellen könnte, Theologie zu studieren mit dem Ziel, als Krankenhaus-Pastoralreferentin zu arbeiten. Und obwohl mich die Theologie schon immer sehr interessiert hat, war mein erster Gedanke, ob du das noch schaffst? Ich ging schließlich auf die 50 zu, und da wird es mit dem Lernen auch nicht unbedingt leichter... Und außerdem wusste ich nicht sofort, ob ich das generell wohl möchte. Dann habe ich um ein Jahr Bedenkzeit gebeten, habe mich in der Zeit informiert, orientiert und bin schon mit dem Fernstudium Theologie angefangen, auch um mich selbst zu prüfen. Nach diesem Jahr wusste ich dann, dass ich es versuchen wollte. So ist es gekommen, dass ich heute hier im Hospiz und noch in drei weiteren Häusern In Rheinberg und Umgebung als Krankenhaus-Pastoralreferentin, wie es offiziell so schön heißt also als Seelsorgerin tätig bin.

Seit 1995 haben wir hier den ambulanten Hospizdienst aufgebaut, immer im Hinblick auf ein stationäres Hospiz, das seit 1997 in Rheinberg existiert. Was ich hier genau mache? Bewohner und deren Angehörige durch diese schwere Zeit bis zum Tod und auch darüber hinaus begleiten, Wir führen Gespräche und beten, um den Menschen zu helfen, mit ihren Gefühlen besser zurecht zu kommen. Das ist meine Hauptaufgabe, aber dann natürlich auch Wortgottesdienste halten, die Kommunion reichen, die Mitarbeiter unterstützen und Hilfe anbieten, wenn es um theologische Fragen geht.

Meine Arbeit als Seelsorgerin ist ganz schön vielschichtig, Alle Menschen sind verschieden und bringen ihre eigene Geschichte mit, so dass kein Tag dem nächsten gleicht. Aber die Hauptsache ist und bleibt, mit den Menschen zu reden, die mit mir reden wollen, und dabei spielt die Glaubensrichtung überhaupt kein Rolle. Ich bin für alle da und komme jeden Nachmittag ins Hospiz. Dann schaue ich zunächst, ob der eine oder andere Bewohner vielleicht im Wohnzimmer oder bei schönem Wetter draußen ist und setze mich dazu, wenn ich nicht störe, denn ich möchte mich nicht aufdrängen. Danach gehe ich von Zimmer zu Zimmer und erkundige mich einfach noch den Bedürfnissen der Bewohner und der anwesenden Angehörigen.

Jeden Tag kann man nicht mit jedem Bewohner ernste Gespräche führen - das muss auch nicht sein, dann redet man auch mal übers Wetter. Wenn die Menschen etwas länger hier sind, und ich komme ja jeden Tag, dann wird das so etwas wie Alltag. Da gibt es selbstverständlich auch oft etwas zu lachen. Ja, ich kann sagen, wir lachen genau so viel wie wir miteinander traurig sind. Manchmal reicht es auch, nur da zu sein und zuzuhören. Es gibt aber auch persönliche Probleme, die mir anvertraut werden, die mich doch belasten.

Wenn ich damit abends nach Hause fahre, gehe ich erst einmal in die Kapelle. Da kann ich ein Stück abgeben im Gespräch mit Gott.

Das Thema Sterben wird hier im Hause naturgemäß oft aufgegriffen, Mancher Bewohner fragt danach, und aus meiner Erfahrung erzähle ich dann, dass der Mensch sehr oft immer schwächer wird, bis zu dem Moment, in dem er kaum noch reagieren kann. Einen Sterbenden begleiten, das kann normalerweise jeder Angehörige. Das Problem ist nur, dass wir es in der heutigen Gesellschaft nicht mehr vorgelebt bekommen. Als es die Großfamilie noch gab, gehörte Sterben mit zum Leben. Die Kinder erlebten schon das Sterben der älteren Generationen mit. Heute ist das anders, die Menschen lernen es nicht mehr aus eigener Erfahrung, und somit gibt es für die Angehörigen große Unsicherheiten. Diese Erfahrung habe ich im Krankenhaus auch schon gemacht. Normalerweise setze ich mich zu einem Sterbenden ans Bett und rede mit ihm, befeuchte die Lippen, berühre die Hand. Auch wenn der Sterbende selbst nicht mehr reagieren kann, funktionieren das Gehör und das Gefühl oft durchaus noch. Nach einer Weile gewinnen viele Angehörige doch wieder ein Stück Sicherheit und können und wollen die Begleitung dann selber leisten. Das ist sehr schön für alle Beteiligten, denke ich immer. Persönlich habe ich von Sterbenden manches gelernt, denn sie sind viel weiter als wir. Sie haben fast immer schon akzeptiert, dass ihr Lebensweg zuende geht. Der Sterbende muss das Leben mit allem, was dazu gehört, loslassen, es aus der Hand geben. Und so habe auch ich gelernt: Nicht krampfhaft festzuhalten, was letztendlich nicht festzuhalten ist. Das lässt sich auch auf viele andere Lebensbereiche übertragen. Dadurch entsteht ein Stückchen innerer Frieden.

Mittlerweile bin ich selbst 63 Jahre alt, und die Gedanken kreisen hin und wieder auch um den eigenen Tod. Was mein Sterben anbetrifft, das hab ich so oft schon vorgelebt bekommen, das müsste für mich eigentlich nicht schwer sein. Ich hoffe nur, dass mir Menschen beistehen, die mir vertraut sind. Es ist schön, hier zu leben, doch unsterblich möchte ich auf Erden nicht sein. Natürlich glaube ich an die Auferstehung der Toten und hoffe, ich werde dem Herrn in Frieden entgegen gehen. Aber bis es soweit ist, werde ich - so Gott will - noch lange meine Arbeit tun.

Reinhold Schneider (45)

Behutsame Berührungen
Sobald ich im Hospiz mit meinem Köfferchen voller Utensilien ein Zimmer betrete, stehen die Besucher unserer Bewohner fast immer auf und wollen rausgehen. Dabei halte ich es gerade für äußerst wichtig, die anwesenden Angehörigen in meine Arbeit mit einzubeziehen. Also begrüße ich alle, stelle mich vor und sage, dass sie gerne bleiben können, dass sie mich in keiner Weise stören.

Im Gegenteil, Ich erkläre, weshalb ich komme, frage und schaue, wenn ich den Patienten noch nicht kenne, ob und wie ich am sinnvollsten helfen kann. Meistens fange ich erst einmal mit etwas Einfachem an, einer kleinen Massage der Hände zum Beispiel, und dabei erzähle ich genau, was ich tue und warum. Wenn die Besucher sehen, dass ich ohne Handschuhe, ohne Mundschutz, ohne Angst vor der Krankheit arbeite, dann gibt es fast immer positive Reaktionen. Nicht selten führt das dazu, dass ich die Angehörigen ermutigen kann, diese Massage selbst auch einmal zu versuchen. Dadurch verliert sich oft ein Stückchen Hilflosigkeit und entsteht das Gefühl, noch viel Gutes für den Kranken tun zu können. Und damit ist sowohl den Hospizbewohnern als auch den Angehörigen gedient.

Als Diplomsozialarbeiter habe ich lange eine Verwaltungstätigkeit im Krankenhaus ausgeübt, wobei ich mich Jahr um Jahr mehr von dem, was ich ursprünglich wollte - nämlich etwas für und mit Menschen tun - entfernt habe. Die Schreibtischarbeit überwog immer stärker, und der Kontakt zu den Menschen wurde immer geringer. Das wurde mir allerdings erst so richtig bewusst als ich selber chronisch krank und meine Mutter im Verlauf ihrer letzten Lebensjahre immer pflegebedürftiger wurde. Da habe ich mich rückbesonnen und mir überlegt, wie ich meine Fähigkeiten meinen Vorstellungen entsprechend sinnvoller einsetzen könnte. Dazu müssen Sie wissen, dass ich noch dem Studium interessehalber regelmäßig aus eigenem Antrieb und meist auf eigene Kosten Zusatzausbildungen im therapeutischen Bereich absolviert habe, ohne genau zu wissen, wie ich diese Fähigkeiten jemals würde einsetzen können. Jetzt, in meiner Funktion als Sondertherapeut, kommt mir das natürlich sehr zugute.

Eigentlich gibt es diese Berufsbezeichnung Sondertherapeut gar nicht, aber im Krankenhaus hat man mein Aufgabenfeld so genannt, und ich kann die verschiedensten Therapien je nach Bedarf einsetzen. Ich arbeite in der Schmerzambulanz unseres Krankenhauses mit chronisch Schmerzkranken. Im Altenheim mit verwirrten, schmerzbetroffenen und hin und wieder auch mit komatösen Bewohnern und im Hospiz mit schwerstkranken und sterbenden

Menschen, die meist eine unheilbare Krebserkrankung haben, Es geht bei meiner Hospizarbeit vor allem darum, ein Gefühl von Entspannung und nach Möglichkeit Wohlbefinden zu vermitteln. Was ich genau mache, hängt immer wieder davon ab, wie es dem Bewohner im jeweiligen Moment geht und wo wir zusammen ansetzen können. Ich muss mich im wahrsten Sinne des Wortes an die Menschen herantasten. Meine Hilfe kann sowohl im physischen als auch im psychischen Bereich liegen. Also frage oder schaue ich, wie gesagt, wo der Bedarf an Entspannung vorrangig liegen könnte. Es kann sich um Autogenes Training, um Muskelentspannungs- oder Bewegungsübungen, um eine sanfte Massage, um therapeutische Berührungen, leichte Akupressur zum Beispiel, um eine Aromatherapie, um Visualisierungs-übungen handeln, immer mit dem Ziel der beruhigenden, schmerzlindernden, entspannenden oder auch anregenden Wirkung. Gerne arbeite ich mit Musik, Sie glauben gar nicht, wie beruhigend oder auch stimulierend eine Art Klangteppich sein kann. Aber auch nur ein Gespräch tut dem Einzelnen manchmal richtig gut. Jeder, der im Hospiz arbeitet, ist gewissermaßen zum Teil auch Seelsorger, könnte man sagen. Es geht nicht darum, den Menschen wieder fit zu machen, sondern ihm, wenn möglich, noch ein Stück Lebensqualität zu verschaffen. Das versuche ich nicht sachlich und nüchtern zu erreichen, sondern nach meiner eigenen Methode: mit Herz und Verstand und die eigene Arbeit dabei immer wieder hinterfragend. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die das Wohlbefinden steigern können: Ein Paar Zweige in einer Vase, eine spezielle Musik auf CD. Es ist übrigens so, dass ich auch hin und wieder Angehörige oder Mitarbeiter massiert habe. Innere Spannungen spiegeln sich oft in äußeren Verspannungen. Wenn ich das bemerke und darum gebeten werde, mache ich gerne eine kleine Massage, Auf die Uhr schaue ich dabei nie. Das sollte man auch nicht – nicht bei dieser Arbeit.

Als meine Mutter nach langer Pflegebedürftigkeit zuhause eingeschlafen ist, war das für meinen Vater, meinen Bruder und mich eine befriedigende und im Rückblick gesehen kostbare Erfahrung. Sie lebt weiter in unserer Erinnerung, und das ist ein trostreicher Gedanke. Leider Gottes ist es nicht all zu vielen Menschen vergönnt, im Schoß der Familie zu versterben, da die Umstände es heutzutage oft nicht zulassen. Da ist das Hospiz zwar kein Ersatz, aber doch eine gute, menschliche Alternative. Durch meine Arbeit habe ich mit der Zeit die Furcht vor dem Tod weitgehend verloren. Was bleibt, ist die Angst vor Schmerzen - das will ich gerne eingestehen. Dass die Ärzte eines Tages in der Lage sein werden, Schmerzen noch besser zu behandeln, hoffe ich sehr. Wenn Ich Verstorbene ansehe, hat das nichts Erschreckendes für mich. Im Gegenteil es ist faszinierend zu erfahren, wie oft eine fast mystische Ruhe vom Antlitz eines Toten ausgeht. Das, was diesen Menschen ausgemacht hat, seine Seele, oder wie man es auch immer benennen mag, ist schon woanders. Diesen Übergang kann man am Totenbett manchmal fast spüren. Da bleibt trotz all meiner Erfahrung nach wie vor doch noch ein Rest Geheimnisvolles. Das Phänomen der sogenannten Todeserfahrung hat mich schon immer interessiert, und ich habe einiges an Fachliteratur darüber gelesen. Durch meine Arbeit im Krankenhaus spreche ich ab und zu mit Patienten, die zum Beispiel nach einem Herzstillstand oder einem Unfall reanimiert worden sind und diese nahe Todeserfahrung durchlebt haben, Sie beschreiben mir nicht selten euphorisch das, was sie erfahren haben - z.B. ein unbeschreiblich intensives Licht einen Tunnel oder die Begegnung mit einem bereits verstorbenen Angehörigen - als ein positives, unglaublich schönes Erlebnis. Das bestätigt mich jedes Mal wieder in meiner Hoffnung, dass es „ein Leben danach" – in welcher Form auch immer - geben wird. Gleichzeitig erleichtert diese Erkenntnis mir persönlich den Abschied von Hospizbewohnern. Ich berühre sie noch einmal behutsam und sage ganz leise: „Auf Wiedersehen", weil ich denke, vielleicht geschieht das tatsächlich irgendwann.